Waves Vienna Music Hackday 2016: Wie ich ungeplant zum Hacker wurde

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Als mich eines eher ruhigeren Bürotags das bekannte Facebook-Bling aus meiner 9GAG-Browserei aufrüttelte, wusste ich noch nicht, was so alles diesen Monat auf mich wartete. Ein Blick aufs Handy eine Nachricht: „Hey! Bock dir auf dem Waves Vienna den Music Hackday reinzuziehen?“ Mit fragender Miene saß ich in meinem Büro, mein Arbeitskollege warf mir einen besorgten Blick zu, nachdem ich schon seit fünf Minuten intensiv mein Handy anstarrte. Was zum Geier sollte ich unter einem Music Hackday verstehen?

Ich erinnerte mich zurück an meine Schulzeit, wo das Wort Hacking und Hackjam einige Male durch den Klassenraum kursierte. Nicht ungewöhnlich in einer HTL, die sich mit Softwareentwicklung auseinandersetzt, aber so richtig ein Bild davon hatte ich nicht.

Google ist dein Freund, denk ich mir und stups mir ein neues Browser-Fenster an. Ein paar Tastentippser später und ich lese die Beschreibung des Waves Vienna Music Hackdays.
2015 fand dieses Event zum ersten Mal, recht spontan und improvisiert beim letzten Waves Vienna statt. Das Konzept war nach wie vor dasselbe: Viel technisches Spielzeug und acht Stunden Zeit zu tun … ja was eigentlich? Alles geht – solang’s mit Musik zu tun hat!
Wer sich darunter nun nichts vorstellen kann, (ich konnt’s auch nicht), dem lieferte die Webseite ein paar Beispiele. Darunter digitale Musikinstrumente, Sensorsteuerung für Soundeffekte oder mit Technik unterstütze Live-Performance. Ich merkte wie sich ein Grinsen auf meinem Gesicht breit machte, und mein Büronachbar sorgsam ein wenig zurückwich.

„Alles klar?“, fragte er skeptisch.
Ich nickte nur – dass dürfte ein besonders spannendes Wochenende werden.

Information Overload

Am  Freitag, dem 30. September 2016,  war es dann so weit, ich spazierte den kurzen Weg von der U6, Station Währinger Straße hinunter zum „WUK“ wo mich ein aus Ziegeln gemauerter Altbau begrüßte, der ganz leicht den Hauch von Universität vermittelte.
Nachdem ich mir am frühen Nachmittag den äußerst informationsgeladenen Subotron Vortrag zum Thema Musik in Videospielen anhören durfte, rauchte mir erst mal gehörig der Kopf – eine RedBull  Dose später ging es dann aber los: Der Hackday wurde eröffnet.

Das Wunderding Mod Duo: Frei bespielbares Effekt Gerät mit möglichkeiten der Sensorsteuerung. ©Mascha Peleshko

Das Wunderding Mod Duo: Frei bespielbares Effektgerät mit möglichkeiten der Sensorsteuerung. ©Mascha Peleshko

Und mein armes von Koffein zusammengehaltenes Gehirn wurde erst mal gehörig mit allerlei Tools und Technik niedergeballert.
Der Hackday wartete mit vielen Sponsoren, die begeistert ihre technischen Gadgets präsentierten. Darunter ein Gitarrenpedal, welches sich mittels Software ganz speziell programmieren ließ und dazu noch Sensorsteuerung akzeptierte, eine Handbewegung reicht um eine der unzähligen Effekte scharf zu schalten. Ein Musikarchiv, das Lieder nicht nur nach Genre sondern auch nach breit gefächerten Emotionen analysiert, bis hin zu einem kompletten Do-It-Yourself Kit für Biosignalmessung, das nicht nur ein benutzbares EKG liefert, sondern von Bluetooth bis Bewegungsmesser alles inkludiert hat.

Nachdem ich den ersten Informationsschock abgeschüttelt hatte (und gehörig Koffein nach getankt wurde) sah ich mich im kleinen Präsentationssaal um, wer sind eigentlich diese „Hacker“ die bei sowas mitmachen?
Nach einem Blickschweif wird mir rasch klar – so einfach zu beantworten ist das gar nicht. Ein buntes Sammelsurium an Leuten hatte sich zusammengefunden, sogar ein paar technikbegeisterte Kiddies im Alter von 13 Jahren waren hier vertreten.

Jung wie alt - der Werkeldrang und Wissensaustausch führte über alle Alters- und Geschlechtergrenzen hinweg zusammen. ©Mascha Peleshko

Jung wie alt – der Werkeldrang und Wissensaustausch führte über alle Alters- und Geschlechtergrenzen hinweg zusammen. ©Mascha Peleshko

Sofort sprach mich ein aufgeweckter indischer Student an, ob ich schon eine Idee hätte, was ich tun wollte. Ich? Eine Idee … aber ich hatte doch keine Ahnung, hatte nichts vorbereitet? Ich war doch nur hier, um davon zu berichten?

Bevor mich mein Gegenüber für klinisch tot erklärte, schüttelte ich den Kopf, und erzählte ihm, dass ich nur hier wäre, um meinen journalistischen Pflichten nachzugehen. Da mir der enttäuschte Blick meines Gesprächspartners etwas leid tat, versuchte ich ihn ein wenig aufzumuntern.
Man fände doch bestimmt unter so vielen kreativen Köpfen Anschluss, und deutete auf einen hochgewachsenen schlanken jungen Mann, auf dessen Kopf eine regenbogenfarbige Haarpracht saß und sich innig mit einem Drumcomputer auseinandersetzte.

Zuversichtlich nickend zog er ab und ich ließ die Atmosphäre aus schwellenden Ideen auf mich wirken, ehe der heutigen Auftakt beendet wurde und sich der ganze Trupp dem wilden Trubel der Konzerte hingab. So trat ich angetrieben vom letzten Rest des Zuckerschocks den Heimweg an und war gespannt auf die Dinge, die da harren.

Ich liebe den Geruch von Lötzinn am Morgen

Der nächste Morgen brach an, der erste Oktober-Tag begrüßte uns mit mildem Wetter und ich stand frisch auf der Matte. Ran an die Hacks, dachte ich mir, als ich pünktlich am Samstag, um 09:45 Uhr, wieder im WUK eintraf.

Nach einer kurzen und knackigen Erklärung des Zeitplans, durch die Organisatoren, wurde sogleich eine offene Ideenrunde gestartet, in der motivierte Ideenausbrüter ihr Team rekrutieren konnten.

Die Anzahl an begeisterten Musikern, Programmieren und Elektronikern war überwältigend. Ganze 16 Projekte traten letztendlich vor die Jury, um eine der fünf Challenges und die damit verbundene Preise zu ergattern. Und die Ideen waren so grundverschieden wie die Teilnehmer dieses musikalischen Hackdays.

Kreative Köpfe die auch Technisch was auf den Kasten haben. ©Mascha Peleshko

Kreative Köpfe die auch Technisch was auf den Kasten haben. ©Mascha Peleshko

Ich kam mir vor wie ein Kind im Spielzeugladen, als ich durch die einzelnen Räume spazierte und die verschiedenen Projekte im Anfangsstadium bewundern konnte. Der regenbogenfarbige Punker des Vortags werkelte wie wild an einem kleinen Drumpad herum. Mit leicht britischem Akzent erklärte er mir, dass sich darin ein Gyrometer (Sensor der Drehbewegungen registriert) befände und er eine Live-Beatbox Performance abziehen möchte, in der die Mikrofoneffekte rein mit seiner Handbewegung steuern möchte. Ein ganz schöner Batzen Arbeit für nur acht Stunden! Ehe die Jury sich die Projekte vornehmen wollte.
Am Nachbartisch werkelt unterdes ein langhaariger Student aus Österreich an einer Apparatur, die glatt aus einer Episode von McGyver stammen könnte.

Auf einem Holzbrett festgenagelt befand sich darauf eine Xbox Kinect und ein Mikrofon, welches sich von selbst auf eine Person davor ausrichtete und mit Motoren jede Bewegung verfolgte. Mit Respekt vor dem Mikrofonroboter begab ich mich in den zweiten Seminarraum, wo mich der frische Duft von gelöteten Drähten empfing, während aus einer Ecke ein Sammelsurium an hochfrequenten Tönen zu mir hinüber schoss. Die kruden Töne stammten von meinem indischen Freund vom Vorabend, der versuchte mit Hilfe eines Messgerätes die Signale seines Unterarms zu messen und damit einen Synthesizer zu steuern.

Hand anlegen ist angesagt – bei Muskelsteuerung sogar im ganz wörtlichen Sinne. ©Mascha Peleshko

Hand anlegen ist angesagt – bei Muskelsteuerung sogar im ganz wörtlichen Sinne. ©Mascha Peleshko

Einen Tisch weiter arbeitete eine Gruppe daran das EKG-Kit bitAlino auseinanderzunehmen, und die Messsignale des Herzschlages zu einem Drumcomputer weiter zu leiten,  Ich nickte ihnen achtungsvoll zu – begab mich dann aber doch in ein ruhigeres Fleckchen des Raumes. Und dort traf ich auf Lucas und Irene, die munter miteinander diskutierten. Noch ahnte ich nicht, wie eng ich mit diesen beiden zusammenarbeiten würde.

Das richtige Wort zur richtigen Zeit

Munter sprach ich die mir fremden Hacker an und wollte in Erfahrung bringen, was die beiden für Pläne geschmiedet hatten. Sie stachen doch ein wenig aus der Menge hervor, so war auf ihrem Tisch weder ein Kinectroboter noch ein Lötkolben zu finden.

„Ich hatte die Idee das MusiMap Archiv zu verwenden, um eine Art musikalische Tinder zu machen!“, erklärte Lucas begeistert.

Meine Augen mussten kurz aufgeblitzt haben, die Idee klang lustig, denn Lucas bohrte nach:
„Was willst du machen?“
Ich erklärte mich wie so oft an diesem Tag schon, dass ich nur hier sei, um einen Bericht zu schreiben, durch die technische Unterhaltung angeregt fügte ich aber die (scheinbar) magischen Worte hinzu: „Aber ich bin hauptberuflich Programmierer“.
So schnell konnte ich gar nicht schalten, drückte mich Irene auf einen freien Stuhl neben ihnen und  Lucas erwiderte mit einem Grinsen: „Super! Das geht uns sowieso noch ab!“

„Aber… Aber…!“, versuchte ich noch zu erwidern, doch eine Stimme in meinem Kopf hielt mich an den Mund zu halten: Wieso eigentlich nicht? War das nicht der Gedanke hinter einem Hackday? Einfach mal zu machen und Spaß zu haben?
Ich nickte den beiden zu: „Lasst es uns tun!“ Und dann taten wir es:

Die Uhr tickt – Lucas und ich mussten uns sputen! ©Mascha Peleshko

Die Uhr tickt – Lucas und ich mussten uns sputen! ©Mascha Peleshko

Die nächsten Stunden brachte ich damit zu, die Webservices von MusiMap zu zerlegen und herauszufinden, wie wir nicht nur die Lieder anzeigen können, sondern auch wissen, welcher Stimmung dieser Song zugeordnet ist. Mit der Hilfe des MusiMap Teams, das anwesend war um den eifrigen Hackern, wo es nur ging, unter die Arme greiffen, gelang uns das recht rasch und Lucas und ich setzen uns daran, die iOS App zu schreiben.

Ganz in Hackermanier: Quick & Dirty zimmerten wir das App, stampften den technischen Rahmen aus dem Boden und schrieben den Code, damit sich gleich gestimmte Musiker auf emotionaler Ebene näher kommen konnten, während sich Irene um Logo und die Präsentation vor der Jury vorbereitete.

Die Stunden flogen an uns vorbei, in denen wir fanatisch die letzten Fehler ausbügelten und alles für 18 Uhr – der goldenen Stunde – vorbereiteten.
Eine ausgelassen Stimmung nahm den Raum vor Ende ein, jubelnde Rufe wenn ein Projekte endlich funktionierte, eklektische Synthesizer gesteuert durch Gestik und ein Herzschlag gesteuertes Schlagzeug zu dem Live Musik gespielt wurde.

Es war ein berauschendes Gefühl, der „Aha!“-Moment, wenn alles zusammenkam und aus der Idee plötzlich Realität wurde. Und ehe man es sich versah, war sie da: Die Stunde der Jury hatte geschlagen.

Von Metalstance – zu tanzgesteuertem Musikstreaming: The Next Level of Music

Alle Teilnehmer fanden sich im großen Präsentationssaal ein, im Schlepptau die wunderbaren Kreationen, die in den letzten Stunden ihre Form erhielten. Während der Regenbogen-Punk das Publikum mit einer Live-Show mitsamt trippiger Lichtshow zum Kochen brachte, begeisterten andere Ideen durch ihre Einfachheit:

Ein Zweiergespann, aus Programmierer und Elektroniker, haben einen Sensor geschaffen, der die Gitarrenverzerrung automatisch einschaltete, wenn sich der Spielende in der „Metal-Stance“ befand. Ihr wisst schon – wenn ein Gitarrist so richtig Feuer und Flamme ist, ein Bein auf dem Lautsprechermonitor und einen komplexen Solo-Riff spielt?

Eine Idee jagte die nächste, sechzehn ganze „Hacks“ wurden an diesem Tag geboren, von denen in fünf Challenges die Sieger gekürt wurden.
Und unsere Musik-Tinder App? Wir gewannen zwar keinen Preis, aber darum geht es bei Hacks auch nicht. Wir hatten Spaß und das ist, was zählt.

Die strahlenden Sieger der Hackday-Challenges. ©Mascha Peleshko

Die strahlenden Sieger der Hackday-Challenges. ©Mascha Peleshko

Obwohl wir – Lucas, Irene und ich – uns zuvor nicht kannten, haben wir etwas auf die Beine gestellt das sich sehen lassen konnte. Trotz dessen das ich nicht vorbereitet war, trotz dessen, dass Irene nicht programmieren konnte und wir MusiMap bis dato überhaupt nicht kannten.

Und nach alledem ist mir nun wirklich klar, um was es bei solchen Hackdays geht: Es geht nicht darum, wie spektakulär eine Idee umgesetzt ist oder wie gut man Coden kann. Im Zentrum steht die Idee und die Leute, die sie verwirklichen. Es geht darum seine Welt anders wahrzunehmen, ja, sogar sie in ihre Einzelteile zu zerlegen – und damit etwas Neues und Eigenes zu erschaffen.

Und ich für meinen Teil freue mich schon auf ein nächstes Mal – mit einer neuen Idee und diesmal besser vorbereitet, so richtig drauf los zu hacken!

Ach ja ürbigens, mehr Eindrücke vom Hackday gefällig? Schaut bei uns auf Facebook!

 

Marc Reinmayr kann man den Nerd nicht absprechen: er ist Gamer, Rollenspieler, LARPer und Programmierer. Egal ob Retro oder Next-Gen, er verschlingt alles mit narrativem Mehrwert und lässt bei motherbot seinen Hobbys, Game-Analyse und Schreiben, freien Lauf.

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